Standpunkte

Ein Standpunkt dazu

Wir leben scheinbar in einer Welt des Turboindividualismus. Stets müssen wir uns selbst finden, entwickeln, optimieren, präsentieren und verkaufen und das in Konkurrenz zu anderen, die schon besser sind oder es besser haben als wir. Aber finden wir uns wirklich selbst? Oder nicht eher ein Bild von uns, das wir aus lauter Fremdbildern zusammengesetzt haben? Und entwickeln und optimieren wir uns nicht anhand von Zielvorgaben anderer und das nicht zuletzt, um uns dann besser präsentieren und verkaufen zu können? Tun wir das nicht alle, weil wir dazu gehören wollen?

Es geht um Aufmerksamkeit und Anerkennung in den sozialen Gruppen, in denen wir uns bewegen oder bewegen wollen, in einer fast schon jugendlichen Sehnsucht, die gut zum Primat der ewigen Jugend in unserer Gesellschaft passt. Wären wir wirklich Turboindividualisten, müsste die Welt dann nicht aus lauter schrägen Vögeln bestehen?

Und wir sind auch weit weniger rational als wir gewöhnlich denken. Unser Hirn funktioniert einfach nicht so. Nur eine kleine Schicht an der Oberfläche unseres Denkens ist deutlich von rationalen Erwägungen oder gar Analysen beeinflusst. Der Rest sind Instinkte, Affekte, „Bauchentscheidungen“, denen wir bisweilen dann eine mehr oder weniger plausible, scheinbar rationale Erklärung hinterherschicken. 

Das alles ist weder gut noch schlecht so, es ist schlicht menschlich. Zu einem Problem wird es vor allem dann, wenn wir aufgrund getrübter Selbstwahrnehmung die falschen Schlüsse ziehen.

Demokratien setzen auf das Idealbild aufgeklärter Individuen, auf mündige Bürger, die ihre Interessen kennen und in Diskursen mit sachlichen Argumenten vertreten können. Populisten, Autokraten und Diktatoren in all ihren Varianten appellieren über Emotionen an die Gruppe. Das liegt uns gefährlich näher.

Vermutlich haben wir alle einen kleinen Rechtsaußen in uns, der sich manchmal nach einer starken Hand sehnt, die ihm komplexe Entscheidungen abnimmt. Jemanden, der der eigenen Gruppe ein Gefühl von Stärke gibt, indem er andere Gruppen ausgrenzt, der gerne auch mal mit starken pathetischen Worten emotionale Geborgenheit in der Gruppe vermittelt bekommen möchte und der Fremdes und Fremde mit übervorsichtiger Distanz betrachtet. Wir sind alle im Ansatz Rassisten und faschistoid, das Problem ist dabei weniger der dumpfe Impuls, als die Dummheit, die Bosheit und der Trotz, dabei zu bleiben.

Der Sozialpsychologe Jonathan Haidt vergleicht das unbewusste Fühlen mit einen Elefanten, auf dem das bewusste Denken sitzt wie ein Reiter. Der Reiter kann das machtvolle Tier zwar beeinflussen, es ein wenig bremsen oder seine Richtung leicht ändern, aber meist geht es einfach seinen eigenen Weg.

Populisten beschwören den Elefanten, Demokraten reden mit dem Reiter.

Wenn wir uns aber dessen bewusster sind, können wir uns besser vor Manipulation schützen.

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Ein anderer Standpunkt dazu

Wir halten uns gern für rationale Individualisten. Es entspricht unserem Selbstideal. Die Ironie steckt nur darin, dass dieses Selbstideal oft mit dem starken Wunsch verbunden ist, auch von anderen als rationaler Individualist wahrgenommen zu werden. Individualität wird dadurch zum Schlüssel äußerer Anerkennung, wobei die wahre Individualität im Widerspruch zu äußeren Erwartungen stehen kann. 

Dieser Widerspruch und Ablehnung tun weh, gerade weil wir emotionale Herdentiere sind. Es erfordert enorme Kraft, seine wahren individuellen Bedürfnisse und Einstellungen zu finden und zu leben, losgelöst von äußeren Erwartungen. Es bleibt die Herausforderung, Gruppentier und rationaler Individualist zugleich zu sein. Seine individuellen Bedürfnisse mit denen der Gruppe in Einklang zu bringen, ohne sich der Gruppe und ihrem Urteil zu unterwerfen, manipulierbar zu sein und zu stagnieren. Es bleibt die Herausforderung, gemeinsam und individuell Fortschritt zu bewirken.  

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Ein weiterer Standpunkt dazu

Aber kann es nicht sein, dass wir uns unserer Emotionalität noch nie so bewusst waren? Dass Emotionen und Irrationalität noch nie derart Hochkonjunktur hatten? Ob in den Medien, im Sport, natürlich in der Werbung, aber auch in der Politik. Emotionen werden ge- und behandelt als ein wertvoller Rohstoff an sich. Man muss sie „wecken“, sie „leben“, aber auch, ganz wichtig, „ernst nehmen“.

So kommt es, dass in Debatten häufig Gefühle anstelle von Argumenten und Tatsachen eingesetzt und auch hingenommen werden. Meist ist das dem Austausch wenig zuträglich, denn gegen ein „ich finde aber“ ist es schwer zu argumentieren.

Es wäre ja toll, wenn Rationalität einen derart hohen Stellenwert hätte, wie diese These es darstellt. Es scheint eher, dass diese immer weiter zurückgedrängt wird, während Emotionen auf dem Vormarsch sind.

Es ist aber eben auch gerade diese Aufwertung von Befindlichkeiten, die uns so manipulierbar machen. Vermutete man die eben beschriebene, gefühlsorientierte Debattenkultur bis vor kurzem noch eher in (Achtung, Klischee) Stuhlkreisen linksliberaler Kommunen und Waldorfschulen, so findet man sie heute nämlich oft bei Anhängern von Autokraten, Populisten und Verschwörungstheoretikern. Denn Demagogen wissen heute nicht nur unsere Emotionalität zu kanalisieren, sondern sind Meister der gefühlten Wahrheiten, oder, auf Trumpisch, Alternative Facts. Die Bedrohung der Demokratie, bestmöglich versinnbildlicht durch den Sturm auf das US Kapitol in diesem Januar, besteht nicht nur in aufgewiegelten Emotionen und Irrationalität. Sondern darin, dass ebendiese Emotionen immer häufiger als Fakten durchgehen. „Argumente“ müssen nicht auf Wahrheit basieren, sondern sich nur so anfühlen. Die Folgen aber sind echt.

Vielleicht sind wir also keine emotionalen Gruppentiere, die sich für rationale Individualisten halten. Wir sind emotionale Gruppentiere, die sagen: „Wo ist das Problem?“

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